Zwiemilch.

Immer, wenn ich gefragt werde (und das ist seltsamerweise grundsätzlich eine der ersten Fragen überhaupt), ob ich stille, antworte ich mit „Jein“ (und denke mir, was geht Dich das an?). Im Anschluss verhaspel ich mich dann aber mit der ausführlicheren Antwort.

Also dachte ich darüber nach, welche Standardantwort ich in Zukunft geben würde und recherchierte. Und es fiel der Begriff „Zwiemilch“.

Aber: Ich gebe Zwiemilch? Ich mache Zwiemilch? Ich ernähre ihn über Zwiemilch? Irgendwie lässt sich das Wort schlecht in einen umgangsprachlichen Satz verpacken. Aber das ist es, was ich mache – aber warum? Und was genau bedeutet das?

Ich stille und füttere zu.
Ja, (Voll-)Stillen ist das Beste, was man dem Kind geben kann. Sicher – wenn man kann.
Und ich habe mich am Anfang, nach einem fehlenden Milcheinschuss, mit allein möglichen und unmöglichen Methoden und homöopathischen Mittelchen verrückt gemacht und mit Hebamme und Frauenarzt zusammen alles versucht, was man überhaupt versuchen kann. So sehr, dass sich mein Tag nur noch darum drehte, wie ich mehr Milch produzieren kann. Ich kam mir vor wie eine in ihrer Existenz gescheiterte Milchkuh.
Ich hatte Milch, allerdings war nicht mehr als ein Appetizer drin – und daran änderte sich nach Wochen… nichts.

Nach einem finalen Gespräch mit dem Frauenarzt, der mir zusicherte, dass mein „Appetizer“ vollkommen ausreiche, um das Immunsystem des kleinen Mannes problemlos aufbauen zu können, beschlossen wir, es auf eine Prolaktinstörung zu schieben und es dabei zu belassen.

Nachdem ich unseren Ernährungsplan akzeptierte (nach ein, zwei Tagen Heulerei), versuche ich nun, die Vorteile aus beiden Nahrungsmethoden zu ziehen. Und es funktioniert bestens.

Pro Stillen:

  1. Er bekommt sein „Stillbaby“-Immunsystem.
  2. Ich kann ihn beruhigen, sollte er mal aufgewühlt sein oder Schwierigkeiten haben, einzuschlummern.
  3. Ich verbrauche Extra-Kalorien (wenn auch entsprechend weniger – aber ein Riegel Schokolade am Tag ist allemal drin, das ist nicht zu unterschätzen, umgerechnet sind das auch gerne mal zwei Oreo-Kekse).
  4. Zweisames Kuscheln, besonders beliebt am Morgen, weil wir beide im Prinzip entspannt weiterpennen können.
  5. Ich fühle mich funktionsfähig und nicht als schlechte Mutter. Klingt albern, ist aber ernst gemeint.

Pro Flasche (ja, hier gibt es durchaus einige Vorteile!)

  1. Ich kann nachvollziehen, wieviel er (mindestens) am Tag zu sich nimmt.
  2. Ich weiss, ob er satt wird (Mamis glauben ja grundsätzlich, dass ihre Kinder zu wenig essen.)
  3. Er trinkt theoretisch seltener. Gerade nachts hat es am Anfang ganz gut geklappt – er wachte einmal auf und gut war. (Kann aber auch purer Zufall gewesen sein, schließlich gibt es auch bei Flaschenkindern Phasen, in denen sie alle zwei Stunden Hunger bekommen – ich weiss, wovon ich rede.)
    Egal, ich glaube daran.
  4. Der Papa kann ihn auch mal füttern.
  5. Oder die Oma.
  6. Generell ist es um einiges einfacher, ihn mal wegzugeben, da die Milchabpump-/einfrier/-auftauerei vollends wegfällt und der Kleine ja schon an die Flasche gewöhnt ist.
  7. Im Prinzip heisst das, dass die Mama (ich!) nicht so an das Baby gebunden ist. Find ich super.
  8. Ich kann ihn in der Öffentlichkeit füttern, ohne meine Brüste entblößen zu müssen. (Stillen kann man in der Öffentlichkeit auch, I know, aber leider ist das zum einen umständlich, zum anderen oft mit gierigen / entsetzten / neugierigen / angewiderten Blicken unterstrichen – und ich glaube, gerade bei mir bekannten Leuten finde ich das persönlich selber eher unangenehm. Andererseits kann es auch durchaus vorkommen, dass man im Rückbildungskurs oder beim Babyschwimmen sofort als Rabenmutter abgestempelt wird, wenn man die Flasche zückt, weil man automatisch „nur aus egoistischen Gründen“ dem Kind das Beste der Welt verwehrt.)
  9. Ich muss nicht drauf achten, was ich esse & trinke – zumindest kann ich es besser koordinieren.
    Ja, genau. Ich kann mich vollaufen lassen, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Ohne vorher genug Muttermilch gesammelt zu haben, um das Kind über meinen Kater hinweg füttern zu können.
    Und ich kann auch mal entspannt Kohl essen, ohne dass der kleine Mann gleich davon Bauchschmerzen bekommt. Für evtl. nötige Medikamente gilt das gleiche.

So, juchey! Klingt doch super!
Mit Zwiemilch kann man aber leider nicht alle Vorteile genießen. Die Kombination hat durchaus auch Nachteile:

  1. Es kostet: Milchpulver, Flaschen, Flaschenbürste / Spülmittel. Und man schmeisst oft auch mal Milch weg, da sie vorgerührt werden muss und nicht „on demand“ ist.
  2. Das Zeug muss IMMER auf Vorrat zu Hause sein.
  3. Es ist insgesamt auch aufwändiger: Ich trage die Nahrung nicht bei (korrigiere, in) mir, sondern muss immer richtig temperiertes Wasser, Milchpulver, Fläschchen zusätzlich mitnehmen. Fehlt eins davon, habe ich einfach ein Problem.
  4. Saugirritation: Ein Baby trinkt an der Brust anders als an der Flasche. Durch den Wechsel kann es passieren, dass eine Saugverwirrung entsteht, das Kind zu viel Luft schluckt und dann entweder Schluckauf oder Bauchweh bekommt oder auch einfach nicht trinken bzw. saugen kann/mag. (Wir hatten da Glück, zumindest glauben wir das, da uns die Drei-Monats-Kolik nicht erwischte.)

Jetzt weiss ich aber immernoch nicht, wie ich dazu sagen soll. Ich zwiemilche? Nicht, dass jetzt jemand denkt, dass ich zwei verschiedene Geschmackssorten im Angebot hätte.
Aber eigentlich ist es auch nicht von Belang, weil die Antwort vielleicht wirklich „Was geht Dich das an?“ sein sollte.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Du schreibst mir aus dem Herzen! Auch wenn dein Artikel schon über ein Jahr her ist
    Auch bei meinem 3. Kind ergeht es mir im Moment gleich wie bei den beiden Grossen. 12xStillen am Tag, abpumpen, Stillberatung, Bachblüten, Domperidon etc.
    Alles versucht aber keines der Kleinen nahm nach zwei Monaten nach ausschliesslichem Stillen zu. Beim Dritten hatte ich zudem Angst, dass er in die Spirale fällt -zuwenig Essen zur Verfügung-bin Müde-esse immer weniger- fällt. Zudem kann ich mit einem 4,5 Jährigen und einer 2,5 Jährigen nicht jeden Tag 7-8x eine Stunde lang (wenn ich nach LaLecheLiga stillen würde/müsste) drinnen TipToi, Brettspiele etc. spielen und alles andere liegen lassen auch die sozialen Kontakte, nur weil ich „ums verrecken“ Vollstillen will/muss.
    Mit der Zwiemilchlösung habe ich am Tag mehr Zeit für meine Grossen, muss keine Angst haben, dass der Kleine essenstechnisch zu kurz kommt und in der Nacht „genügt“ ihm das Stillen.

    Vielen Dank für deinen herzerfrischenden Bericht.

    Liebe Grüsse

    Nadja

  2. Auch wenn dein Bericht jetzt schon lange her ist wollte ich auf gut Glück doch mal nachfragen:
    Hast du einfach jenach Lust und Laune mal die Flasche und mal die Brust gegeben ?
    Also wenn du unterwegs warst eben Flasche und wenn du am nächsten Tag zur selben Zeit zu Hause warst halt einfach die Brust ? Wie hat das mit der Milchproduktion dann funktioniert ?

    Oder hast du immer ganz bestimmte Mahlzeiten die Flasche gegeben und andere eben die Brust ?

    Danke und Grüße

  3. Hallo, dein Bericht hat mir Mut gemacht. Mein erstes Kind konnte ich voll stillen und über 2 Jahre hinweg nach bedarf. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich mein zweites Kind nicht voll stillen könnte. Aber nach einem schwierigen stillstand hatte ich nicht genug Milch und ein furchtbar schlechtes Gewissen beim zufüttern. Mittlerweile habe ich mich damit arrangiert und kann auch die Vorteile genießen.

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